Auf der Ebene 37 im Distrikt 0026

Ein schriller Ton reißt mich aus meinem Traum und ich blicke an die tiefe Decke über mir. Es ist Dienstag, 6:00 Uhr, heute stehen Agrarwissenschaft und Chemie auf dem Stundenplan. Zuerst muss ich jedoch aus meinem Bett und mich für den Tag bereit machen.

Obwohl jeder hier nur ein kleines Zimmer für sich hat, bietet es alles was man braucht. Die perfekte Fläche, in die alles reinpasst, sodass diese Riesenstadt, in der wir alle Leben, auch funktionieren kann. Ich mache mein Bett und klappe es anschließend gegen die Wand, damit ich eine Tischfläche ausklappen und meinen Stuhl aus dem Schrank holen kann. Ich streiche über meine Kleidung, die ich heute trage und fahre über eine Stelle, die ich gestern noch geflickt hatte. Sie sieht etwas unordentlich aus, hoffentlich reißt sie mir über den Tag nicht. Ich nehme mir meine kleine Tasche mit meinem Tablet und meiner Identifikationskarte, bevor ich mir mein Frühstück mache. Aus meinem Indoor-Garten pflücke ich zu meinem Algenbrot ein paar frische Salatblätter, rot leuchtende Tomaten und ein paar Pilze. Auch der Nebelfänger hat über den kurzen Morgen schon reichlich Wasser für mich gesammelt. Ich stecke meinen Kopf durch das kleine Fenster und trinke mein frisches Wasser in der nebligen und kühlen Luft. Ich beobachte gerne den Morgen in der Stadt. Lichter gehen an und neben den vielen verschiedenen Vogelgesängen fangen Stimmen an den Raum zwischen den riesigen Gebäudekomplexen zu füllen. Das gesammelte Wasser aus dem Entfeuchter benutze ich noch um meine restlichen Pflanzen an meinem Fenster und vor meiner Haustür zu gießen. Eine Anzeige über dem Entfeuchter gibt mir an, dass ich schon 23,5 % meiner maximalen Wassermenge pro Tag verbraucht habe. Zufrieden mache ich mich über schmale, hohe Stege auf den Weg. Der Sonnenaufgang lässt die Skelettstruktur der Wohneinheiten in orange-rotem Licht leuchten. In der Ferne und durch kleine Lücken schimmert die große, helle Sonne am Horizont hindurch. Ich sehe, wie jemand aufgeregt dem Fahrradfahrer, der über den Fußgängerbereich fährt, etwas zuruft. Eigentlich sollte dieser nämlich auf der Etage unter uns fahren, dem Steg für Kleintransporte.

In Richtung der Bildungseinrichtung 37.0026.042 passiert man mehrere kleine Versorgungseinrichtungen, jede einzelne nur zugänglich für bestimmte Personen, die in dem der Einrichtung zugeteilten Distrikt wohnen. Dadurch gelangt jeder z.B. zum Arzt zu Fuß in kürzester Zeit. Man läuft an vielen Gebäudeteilen und Einheiten vorbei, welche aus verschiedensten Ursprungsgebäuden bestehen und aus unterschiedlichsten architektonischen Epochen stammen. Das liegt an der Basis, aus der diese gigantische Siedlung aufgebaut ist, denn aufgrund drohender Ressourcenknappheit vor 78 Jahren wurden die alten Gebäude mit in das neue Stadtkonzept integriert, denn es ging und geht immer noch darum schon Vorhandenes weiter zu nutzen.

Der Weg auf dem ich laufe, zweigt immer wieder nach links und rechts ab, sodass ich überall hinkommen kann. Zwischen diesen schmalen schwebenden Wegen hängen hin und wieder größere, grün bewachsene Plattformen mit Wasser und vielen zwitschernden Vögeln. Es soll ein Paradies mitten in der lauten, wirren Stadt sein.

Von dort aus habe ich schon oft am Rande des Geländers in die Etagen unter und über mir geblickt. Auf ihnen scheinen ganz andere Welten zu sein. Denn immer wieder kann man jemanden rufen hören oder eine Auseinandersetzung zweier Personen beobachten, die sich in einer ganz anderen Sprache äußern und mir fremde Kleidung tragen.

Doch das ist alles in der Ferne, für mich fast schon unerreichbar, denn weiter als durch meine Beobachtungen aus meiner Welt werde ich ihre kaum kennen lernen können. Die meisten bleiben ihr Leben lang auf ihrer Etage und vielleicht sogar in ihrem Distrikt. Die Ränder der Plattformen sind die einzigen Verbindungsstellen mit den Etagen unter und über mir.

Umgeben von Pflanzen ist man auf der Plattform zwar besonders stark, doch eigentlich ist man immer und überall in ihrer Gesellschaft. Die Stadt lebt in einer Symbiose mit der Natur, welche diese wie Wurzeln durchquert und einnimmt. Sie nährt sich von der Struktur, welche durch den Stelzenkörper guten Halt bietet. Auch der Lehm einiger Wände zieht Pflanzen besonders an.

Und wir ernähren uns von ihren Früchten. Zwar bieten uns die Pflanzen der Stadt eine gewisse Grundversorgung, jedoch wird einiges Essen in platzsparenden Pflanzenschränken angebaut, wie die in meiner Küche, in denen die Menge an Nahrung genau auf die Bedürfnisse des Distrikts oder der Ebene angepasst ist.

In diesem Moment laufe ich an einer Gruppe Harvester vorbei, die die reifen Orangen von den verschlungenen, in die Höhe kletternden Ästen pflückt. Die Pflanze ähnelt dem ursprünglichen Orangenbaum nur wenig. Sie wurde gezüchtet und so an die Struktur der Stadt angepasst, dass sie sich über mehrere Etagen ausbreitet und somit mehreren Harvestern aller Etagen Zugang zu frischem Obst gewährt.

Was ich wohl sein werde, wenn ich meinen Abschluss geschafft habe? Ob ich an der Entwicklung der Stadtstruktur oder der Energiegewinnung arbeite, oder doch im sozialen Bereich arbeiten möchte? Vielleicht will ich mich aber auch in der Politik meines Distrikts oder der ganzen Stadt engagieren? Alles steht mir hier offen, zumindest in der Theorie. Im Geschichtsunterricht haben wir gelernt, dass Menschen vor fast einem Jahrhundert noch in Fabriken arbeiteten und ihre Gesundheit jeden Tag aufs Spiel gesetzt haben, oder dass sie für zu wenig Geld Menschen pflegten und Gebäude reinigten. In Fabriken arbeitet heute niemand mehr, zumindest kein Mensch. Wenn, dann arbeiten tausende Maschinen gesteuert von einem einzigen Menschen, der allein die Produktion überwacht.

Theoretisch stehen mir alle Wege offen. Doch heute führt mich mein Weg erstmal direkt zu meinem Schwebebahntransport in die Bildungseinrichtung. Ich stehe an der langen, schmalen Plattform; es ist 6:59 Uhr. Meine Bahn sollte in einer Minute die Haltestelle erreichen. Ich fühle unter meinen Füßen ein leichtes Vibrieren und höre die Warnung zum Eintritt der Bahn. In der Ferne sieht man sie und einen kurzen Moment später steht sie schon vor mir, um Punkt 7:00 Uhr. Meine Armbandanzeige blinkt auf und zeigt mir meinen vorgesehenen Platz im 4. Abteil an und ich steige ein.

Bild: Lenny Bittger

Text: Elif Kizilbay, Lenny Bittger

Sprecher: Felix Koberstein

Lenny Bittger